Ich arbeite prozesshaft, offen und dialogisch. Meine Bilder entstehen nicht aus einem festen Konzept heraus, sondern entwickeln sich im direkten Austausch zwischen mir und dem Werk. Ich beginne spontan, weitgehend gegenstandsfrei im Sinne von widerstandsfrei — offen für das, was im Prozess sichtbar werden will. Erst wenn ein Bild beginnt, mit mir zu kommunizieren, trete ich in einen bewussten Dialog mit ihm und entwickle es weiter. Jedes begonnene Bild wird so zu einer Entdeckungsreise.

Meine Kunst ist für mich in erster Linie eine geistig-emotionale Auseinandersetzung mit mir selbst, mit dem Leben und der Welt. Sie ist Suche, Erkenntnis und Ausdruck meiner Persönlichkeit zugleich. Die Notwendigkeit der Expression ist meine wichtigste Antriebsfeder. Wo sich in meinen Arbeiten Elemente der Gegenständlichkeit zeigen — wie etwa in den Zyklen Just human und Above or beyond — kreisen sie fast ausschließlich um den Menschen als existenzielles Thema.

Meine Bilder tragen besonders in ihrer frühen Phase ein hohes Maß an Authentizität in sich. Sie sind unmittelbare Spuren meiner Gedanken, Gefühle und inneren Zustände — Psychogramme oder Seelenlandschaften. Hintergrund und Vordergrund bilden von Anfang an eine untrennbare Einheit, grafische und malerische Elemente greifen ineinander. Ich arbeite bevorzugt in sehr großen Formaten, da sie mir eine körperliche, gestische und direkte Arbeitsweise ermöglichen.

Ich verstehe meine Kunst nicht als ästhetisches Objekt im Sinne von Gefälligkeit, Anpassung oder Verkäuflichkeit. Meine Kunst muss etwas mit mir zu tun haben — sonst ist sie für mich bedeutungslos. Authentizität ist keine Option, sondern Voraussetzung. Wenn man Kunst macht, kommt man am Echten nicht vorbei.

Ich arbeite in Serien und Zyklen, die häufig in Beziehung zu philosophischen und literarischen Fragestellungen stehen — etwa in der Serie Holzwege in Anlehnung an Martin Heidegger. Der „Holzweg“ ist für mich eine Metapher für den menschlichen Weg durch Ungewissheit, Irrtum und Erkenntnis. Kunst kann hier ein Ort der Bewusstwerdung sein.

Meine Werke verstehe ich nicht als abgeschlossene Zustände. Ich greife Bilder auch nach Jahren wieder auf, überarbeite, verändere und entwickle sie weiter. Frühere Schichten bleiben sichtbar und treten in Beziehung zum Neuen. Veränderung ist nicht nur Thema meiner Kunst, sondern ihr wesentliches Prinzip — formal, technisch und existenziell. Zeit wird so selbst zum Bestandteil des Werkes.

Kunst ist für mich kein Ziel, sondern ein Weg: eine fortwährende geistig-emotionale Auseinandersetzung mit dem eigenen Dasein und der Welt — sichtbar gemacht in Farbe, Bewegung und Form.


I work in a process-oriented, open and dialogical way. My paintings do not begin with a fixed concept, but evolve through a direct exchange between myself and the work. I start spontaneously, largely non-representational — in the sense of working without resistance, without preconceived structures — open to whatever wants to emerge in the process. Only when a painting begins to “speak” to me do I enter into a conscious dialogue with it and continue to develop it. Every painting thus becomes a journey of discovery.

For me, art is first and foremost a mental and emotional engagement with myself, with life and with the world. It is search, insight and expression of my personality at the same time. The need for expression is my strongest driving force. Where elements of figuration appear in my work — as in the series Just Human and Above or Beyond — they almost always revolve around the human being as an existential subject.

My paintings carry a high degree of authenticity, especially in their early stages. They are immediate traces of my thoughts, emotions and inner states — psychograms or landscapes of the soul. Background and foreground form an inseparable unity from the very beginning; graphic and painterly elements interweave. I prefer to work in very large formats, as they allow for a physical, gestural and direct way of working.

I do not understand my art as an aesthetic object in the sense of pleasing, adapting or selling well. My art has to be connected to me — otherwise it is meaningless to me. Authenticity is not an option, it is a necessity. When you make art, you cannot avoid what is real.

I work in series and cycles that often relate to philosophical and literary questions — for example in the series Holzwege, referring to Martin Heidegger’s concept of the same name. For me, the “wood paths” are a metaphor for the human way through uncertainty, error and insight. Art can become a space of awareness and reflection here.

I do not see my works as closed, finished states. I return to paintings even years later, rework them, change them and continue to develop them. Earlier layers remain visible and enter into a relationship with the new. Change is not only a subject of my work, but its essential principle — formally, technically and existentially. In this way, time itself becomes part of the artwork.

For me, art is not a goal, but a path: a continuous mental and emotional engagement with my own existence and with the world — made visible through color, movement and form.


Werkzyklen 2016 - 2025

Diese Werkzyklen beginnen mit einer fast nüchternen Feststellung: Just human. Nur menschlich. Nicht mehr — aber auch nicht weniger. In dieser Setzung liegt bereits alles, was folgt: die Anerkennung der eigenen Begrenztheit und zugleich der Impuls, diese Grenze nicht einfach hinzunehmen.

Denn schon bald richtet sich der Blick auf das Darüber-hinaus. Above or beyondJust beyond – the borders of perception: Titel wie diese sprechen vom Wunsch, die eigenen Wahrnehmungs- und Denkformen zu überschreiten, den Horizont zu erweitern, mehr zu sehen, mehr zu verstehen, mehr zu sagen. Doch diese Bewegung führt nicht in ein Mehr an Gewissheit, sondern in ein Mehr an Fragilität.

Eroica unfinished markiert diesen Moment des Innehaltens. Das Heroische bleibt Fragment, der große Entwurf unvollendet. Was als Aufbruch begann, wird zur Einsicht in die Unabschließbarkeit. Nicht als Scheitern im trivialen Sinn, sondern als Struktur: als etwas, das sich grundsätzlich der Vollendung entzieht.

Darauf folgt eine Erfahrung, die weniger spektakulär, aber vielleicht grundlegender ist: die der Sprachlosigkeit. In Nothing but unspeakable und Lauter Unsägliches wird nicht mehr nur das Einzelne schwer sagbar, sondern die Wirklichkeit selbst erscheint als etwas, das sich der Sprache entzieht oder sie überfordert. Worte reichen nicht mehr aus — und zugleich gibt es nichts anderes als Worte.

Mit Out of order und Holzwege kippt schließlich auch die Idee einer verlässlichen Ordnung. Wege führen nicht mehr eindeutig irgendwohin, Systeme geraten aus dem Takt, Orientierung wird zur provisorischen Praxis. Erkenntnis gleicht weniger einer Linie als einem Umhergehen, einem Tasten, einem Sich-Verirren.

Und dann: Babel. Nicht als Strafe, nicht als Mythos, sondern als Zustand. Viele Stimmen, viele Sprachen, viele Sinnangebote — nebeneinander, durcheinander, gleichzeitig. Kein Schweigen, sondern ein Zuviel. Kein Mangel, sondern Überfülle.

So gelesen erzählen diese Werkzyklen keine Geschichte des Verlusts, sondern eine Geschichte der Verschiebung: weg von der Idee eines einheitlichen Sinns, einer stabilen Ordnung, einer souveränen Perspektive — hin zu einer Wirklichkeit, die plural, fragmentarisch und offen ist. Nicht als Problem, das gelöst werden müsste, sondern als Zustand, der wahrgenommen, ausgehalten und gestaltet werden will.

 


Work Cycles 2016 - 2025

These work cycles begin with a seemingly modest statement: Just human. Only human. Not more — but also not less. This simple positioning already contains what follows: the acknowledgment of one’s own limits, and at the same time the refusal to simply accept them.

Soon the gaze turns toward what lies beyond. Above or beyondJust beyond – the borders of perception — these titles speak of the desire to push perception and thought past their habitual boundaries, to see more, understand more, reach further. Yet this movement does not lead to greater certainty, but to greater fragility.

Eroica unfinished marks a moment of suspension. The heroic remains a fragment, the grand project unfinished. What began as an ascent turns into an insight into incompletion — not as failure in a simple sense, but as a structural condition.

What follows is quieter, but perhaps more radical: the experience of the unsayable. In Nothing but unspeakable and Lauter Unsägliches, not only particular things become difficult to articulate, but reality itself appears to exceed language. Words no longer suffice — and yet there is nothing else but words.

With Out of order and Holzwege, the idea of a stable order also collapses. Paths no longer clearly lead anywhere, systems fall out of sync, orientation becomes provisional. Knowledge no longer resembles a line but a wandering, a groping, a getting lost.

And then: Babel. Not as a myth, not as a punishment, but as a condition. Many voices, many languages, many meanings — side by side, overlaid, simultaneous. Not silence, but too much. Not emptiness, but excess.

Read this way, these work cycles do not tell a story of loss, but of displacement: away from the idea of a unified meaning, a stable order, a sovereign perspective — toward a reality that is plural, fragmented, and open. Not as a problem to be solved, but as a condition to be perceived, endured, and shaped.

 


„…. Kurt Kellner bricht in seiner zwar gegenstandsfreien aber dennoch narrativen Malerei mit der Vorstellung, dass alles Geschehen in unserer Welt aus objektiven Tatsachen besteht, die man darstellen kann, wenn man seine Darstellungsmöglichkeit gefunden hat. Seine Bilder bringen seine ureigene unvertretbare Berührtheit zum Ausdruck, die mit ihrer Dynamik und nicht zuletzt den bewusst gewählten Formaten die affektive Betroffenheit des Erlebens seiner Welt zeigen.

Abgesehen von seinem Geist ist es nicht so sehr Kurt Kellners Körper mit seinen fünf Sinnen, der mitverantwortlich ist für seine Kunstwerke, sondern vor allem sein Leib, der mit allen Regungen wie Lust, Angst, Hemmung und Tatendrang die Grenzen des biologischen Körpers überschreitet und sich in seiner Kunst unteilbar auf die Leinwand ausdehnt.

Die außergewöhnlichen Formate als Notwendigkeit anzunehmen, gelingt einem erst dann, wenn man die entdeckte Bewegung, die es zu diesen Bildern gebracht hat, identifiziert und genießt. Unmittelbar spürbar ist der Weg der Hand mit ihren verwendeten Werkzeugen der fundamentale Akt, durch den Kellners Bilder ihre Definition finden. 

Es ist nicht eine erkennbare Idee die er zwischen seine Laune und sein Malwerkzeug schiebt, als viel mehr der Prozess des Werdens, der über schon gelegte Spuren sich manchmal fortpflanzend, dann wieder von unvermeidlicher Auflösung Zeugnis ablegt. Es scheint, als wäre es den einander beeinflussenden Kompositionsdetails aufgebürdet, in einem einzigen Moment, in einem einzigen Zustand das Erscheinende und das Verschwindende in einem Bild zu verknüpfen.“  

Luka Anticevic 

„…Kurt Kellners Kunst findet fast immer in Serien, in Zyklen statt, denen er bis vor wenigen Jahren fast ausschließlich englische Titel gegeben hat: Just human, Above or beyond, Nothing but unspeakable, just beyond the borders of perception, Out of order…“

„Alle bisherigen Werkzyklen sind in Bezug gesetzt zu philosophischen und literarischen Abhandlungen. Sein Werk ist der abstrakten, gegenstandslosen Kunst zuordenbar, geprägt von dynamischer Bildgestaltung. Die ist für ihn aber in den seltensten Fällen abgeschlossen. Manchmal werden – Jahre nach ihrer Entstehung – Bilder hervorgeholt, überarbeitet, verändert. Wo andere ihre Weiterentwicklung in vollkommen neuen Bildern festhalten, nimmt er bereits Vorhandenes als Ausgangspunkt, als Grundlage und baut darauf auf. Das „Alte“ schimmert durch, geht eine spannende Verbindung mit dem Neuen ein. Dichte, färbige Flächen treten so beispielsweise in den Hintergrund, machen Platz für zarte, an chinesische Kalligrafie erinnernde Zeichen und Linien …“

„Seien es nun kräftige dunkle Balken oder filigrane spinnenartige Linien, die die Oberfläche überziehen, bunte Flächen oder grau-weiße Nebel: Immer ist es eine intensive Auseinandersetzung mit dem persönlich Gefühlten, Gedachten und Wahrgenommenen – begleitet von fortwährender Veränderung in der Technik und des Ausdrucks, jedoch immer gepaart mit einer ganz individuellen Handschrift. Werden, Wachsen und Veränderung als wichtige, stets wiederkehrende Themen. Letzteres – Veränderung – auch immer wieder in enger Verbindung mit „Vergänglichkeit“…“

Mag. phil. Beatrix Obernosterer, Kunsthistorikerin, Leiterin der Stadtgalerien Klagenfurt

„…Es entsteht ein Dialog zwischen dem Künstler und dem Bild, ein Prozess des Agierens und Reagierens, den wir in der fertigen Komposition anhand der Malspuren bis zu einem gewissen Grad noch nachvollziehen können… Einige Leinwände dreht Kurt Kellner während des Malprozesses und erweitert ihn dahingehend, dass er dadurch immer wieder vor einem neuen Bild, d.h. einer neuen Herausforderung steht…“ 

„Das unmittelbare, seismografische Aufzeichnen der Emotionen der Wahrnehmung seines Inneren auf der Leinwand entsteht auch durch einen enormen körperlichen Einsatz in der Gestik, dem große Formate entgegenkommen…“ 

„Die raumgreifenden Dimensionen gehen unter anderem auch auf seine Auseinandersetzung in jungen Jahren mit den Malern des amerikanischen abstrakten Expressionismus wie Jackson Pollock oder Franz Kline sowie der Farbfeld-Malerei von Marc Rothko oder Barnett Newman zurück. Die übergroßen Formate ihrer gegenstandslosen Gemälde entführen in atmosphärische Bildräume, die auch körperlich wahrgenommen werden können. Zwei wesentliche Aspekte, die ebenso die Kunstwerke Kurt Kellners bis heute auszeichnen.“

Mag. phil. Elisabeth Winkler, Kunsthistorikerin